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Utopie und Gewalt. Werk und Wirkung des Schriftstellers Andrej Platonow (1899-1951)

Utopie und Gewalt
Werk und Wirkung des Schriftstellers Andrej Platonow

Konferenz

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Seit in der Spätphase der Perestrojka viele Archive zugänglich wurden, ist das Wissen über die „Ordnung des Terrors“ in der Frühphase der Sowjetunion erheblich gewachsen. Die Begeisterung für den kommunistischen Gesellschaftsentwurf mobilisierte breite Schichten der Bevölkerung.
Aber auch Gewalt und Terror waren Schlüsselressourcen, mit denen Stalin und die Bolschewiki die Sowjetisierung durchsetzten. Das gilt nicht nur für das Zentrum, sondern auch für die agrarische, vormoderne Peripherie. An der Schwelle zum hundertsten Jahrestag der Oktoberrevolution sind die Infrastruktur, die Wirtschaft, die Politik und die gesellschaftlichen Praktiken in Russland noch immer vom ambivalenten Erbe dieser spezifischen Moderne geprägt. In seinem Roman Die Baugrube gibt Platonow dem utopischen Impuls und revolutionären Enthusiasmus ebenso Ausdruck wie den Abgründen der Gewalt. Die Ambivalenzen der sowjetischen Modernisierung erfasste dieser Autor früher als andere. Auch darin ist er ein Chronist seiner Zeit.

Die Konferenz ist Teil einer Veranstaltungsreihe zum Werk von Andrej Platonow und dessen Wirkung. Weitere Informationen finden Sie hier.

Konferenz und Publikation werden gefördert mit Mitteln der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Veranstaltungsbericht

Fotos: David Oliveira
Bericht: Janika Rüter

Im Vorgriff auf den 100. Jahrestag der Oktoberrevolution 1917 und 25 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion gilt es, Andrej Platonow wiederzuentdecken, den wohl berühmtesten Unbekannten der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Anlässlich der von Gabriele Leupold im Suhrkamp Verlag vorgelegten Neuübersetzung seines Romans Die Baugrube widmete sich die von der DGO veranstaltete Konferenz „Utopie und Gewalt“ nun in Berlin dem Werk und der Wirkung Platonows. Utopie und Gewalt sind hier zunächst programmatische Pole, zwischen denen sich das gigantische Panorama der Baugrube entfaltet, das Ausgangspunkt für eine Vielzahl von Fragestellungen ist: nach der Dynamik von Revolution und Konsolidierung der Macht, von Fünfjahresplan und Kollektivierung, nach Lektüreansätzen und ihrer Adäquatheit, nach dem Verhältnis von Utopie, Antiutopie und Apokalypse, von Emanzipation und Gewalt – danach auch, „wie Die Baugrube gemacht ist“. Dieser Roman, der einem „Schlachthieb“ gleich auf den Leser niederfährt, wie die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff in ihrem Nachwort zur Neuübersetzung schreibt, ist in seiner bisweilen enigmatischen Verdichtung, in der Gewalt seiner Sujets und Bilder, vor allem aber in seiner sonderbar verschobenen, ungekannten Sprache Zeugnis einer vom Wahnwitz verwüsteten Gesellschaft.

Im ersten Panel der Konferenz widmeten sich Sheila FITZPATRICK (Sydney), Klaus GESTWA (Tübingen), Dar’ja MOSKOVSKAJA (Moskau) und Manfred SAPPER (Berlin) der Verortung Platonows in der sowjetischen Moderne. Die Baugrube entstehe in der Spannung von Utopie und Enthusiasmus und einer in Gewalt gerinnenden Revolution, die in der zunehmend totalitären Durchsetzung ihrer Herrschaftsansprüche auf die Verheerung politischer, gesellschaftlicher und individueller Zusammenhänge setzt. Die daraus resultierende Ambivalenz, der sich Platonow als glühender Anhänger der Oktoberrevolution ausgesetzt sah und die er präzise durchdrang wie die wenigsten, wird in der Baugrube auf dramatische Weise fasslich: Der Roman ist sein eigener Gegenstand, ist „Sprachkörper“ von grauenhafter Nüchternheit und Atrophie, wie Hanns ZISCHLER (Berlin) in seinen einleitenden Worten sagte. Der Utopist Platonow setzt sich mit all seinen Möglichkeiten – als Ingenieur wie als Schriftsteller – für den Aufbau einer besseren Weltordnung ein, für die „remont zemly“, die Reparatur der Erde, wie Hans GÜNTHER (Seeshaupt), Jevgenij JABLOKOV (Moskau), Robert HODEL (Hamburg) und Volker WEICHSEL (Berlin) im zweiten Panel diskutierten. Zugleich dokumentiert er die Pervertierung der Idee durch menschenverachtende Gewalt und ihre Auswirkungen auf den Einzelnen mit eigensinniger Hellsicht. Die Baugrube als ein gleichsam archetypisches, utopisches Unterfangen, dem der Turm des „gemeinproletarischen Hauses“ erwachsen soll und dem die Arbeiter all ihre Kraft wie auch ihre „Kraftschwäche“ widmen, wird zum Grab der Lebenden und der Toten, zur Verkehrung in eine Antiutopie, in der die kommenden Exzesse bereits aufscheinen.

Der Frage nach den Interferenzen von Utopie und Gewalt nahmen sich im dritten Panel Botakoz KASSYMBEKOVA (Berlin), Igal HALFIN (Tel Aviv), Sandra DAHLKE (Moskau) und Gabriele FREITAG (Berlin) an: Wie gelang es, die Massen für die Utopie der neuen Ordnung zu begeistern? Welchen Herausforderungen sahen sich die Bolschewiki in der Peripherie des Reiches – Sibirien, Tadschikistan – ausgesetzt, welche Referenzrahmen (etwa die Religion) machten sie sich zu eigen, um lokale Bevölkerungen dem Kommunismus zuzuführen? Welche Rückschlüsse auf das Verhältnis von Macht und Sprache, genauer: dem bald schwindenden Raum für Humor und Ambivalenz lassen sich aus Parteiprotokollen ziehen?

Der unerschöpflichen Frage, wie Die Baugrube gemacht ist, näherten sich schließlich Gabriele LEUPOLD (Berlin), Robert CHANDLER (London), der Die Baugrube zwei Mal ins Englische übersetzt hat und Christina LINKS (Berlin), die von der Herausgabe früherer Übersetzungen im Verlag Volk und Welt berichtete. Die oft so falsche, so schöne Sprache Platonows erweist sich in vielerlei Hinsicht als eine Herausforderung – die Arbeitsfassungen der deutschen Übersetzung hätten hermetischen Partituren geglichen, so die Lektorin Katharina RAABE (Berlin), jedes Wort versehen mit Kommentaren, die seine reguläre Verwendung aufzeigten, um dann analoge Schrägheiten und Fehler im Deutschen schöpfen zu können. Die so eigentümliche Sprache Platonows, in der disparate Register, permanente kombinatorische Regelverstöße, ein „unheimlicher Nominalstil“ (Zischler) und Parteijargon ineinander schießen, erscheint vor diesem Hintergrund fein komponiert und weniger surreal, als man zunächst annehmen könnte. Erhellend ist vor diesem Hintergrund auch der Hinweis von Sheila Fitzpatrick, dass der so absurd anmutende Einsatz von „Sowjet-Sprech“ bei Platonow in den Archivakten verbürgt ist – dort werden etwa Bauern zitiert, die den ungewohnten Jargon des sozialistischen Aufbaus mit seinen Wortungetümen im Munde führen, ohne zu verstehen, wovon sie sprechen. Auch manches unwirkliche Bild Platonows verweist auf reale Begebenheiten, die in den Archiven dokumentiert sind – die Szene der Kulaken, die auf einem Floß in die Ferne liquidiert werden, entspringt nicht nur einer beim Wort genommenen Metapher, sondern verweist auf tatsächliche Ereignisse; dies gilt gar für den Bären, der mit versengtem Fell in der Schmiede arbeitet.

Anders als die Bauern in den Akten verstand Platonow schmerzlich genau, wovon er sprach. Die Baugrube ist ein erschütterndes literarisches Zeugnis einer von gesellschaftlicher Verwüstung geprägten Periode. Vor Erfolgen dieser Verwüstung von Schwindel befallen, wanken die Protagonisten durch ihre kargen Existenzen, durch eine versatzstückhafte, sonderbar verschobene Sprache, die ihnen mit aller Gewalt den Aufbau einer Zukunft aufzwingt, die sie nicht mehr erleben werden. Mit ihnen wankt der Leser von einer Grausamkeit zur nächsten; darin eine zarte, schutzlose Schönheit. Es ist zu hoffen, dass die Neuübersetzung den Roman und seinen Autor Andrej Platonow aus dem Geheimfach der „Vergessenheitsdinge“ hebt.

 

Veranstaltungsbericht (PDF, 302 kB)