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Dead-end Jobs
Precarious Work in Central and Eastern Europe – and Germany

Discourse / Diskurs

Online-Veranstaltung

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Sie arbeiten in Schlachthöfen und Industriewäschereien, auf Baustellen, in Müllsortierungsanlagen und am Fließband. Unregulierte Arbeitszeiten, Nachtschichten, Löhne, die kaum die existentiellen Grundlagen abdecken, Arbeit, die gefährlich und gesundheitsschädlich ist. Dies ist der Alltag von Hunderttausenden in Osteuropa – aber ebenso von Saisonarbeiter*innen in Deutschland.

Durch die Covid-19-Pandemie sind prekäre Arbeitsverhältnisse in Deutschland sichtbarer geworden: Aufgrund mangelnder Schutzvorkehrungen am Arbeitsplatz und den beengten Umständen in Sammelunterkünften und Wohncontainern haben sich viele Arbeitskräfte aus dem östlichen Europa mit dem Virus infiziert. Wie durch ein Brennglas zeigt die Pandemie die Missstände auf. Welche sozialen Hintergründe in den Heimatländern veranlassen die Menschen, sich auf solche Arbeitsbedingungen einzulassen? Wie funktioniert dieses System unter den Arbeitsrechtsbedingungen in Deutschland? Wer profitiert davon? Und kann die aktuelle Aufmerksamkeit für eine nachhaltige Verbesserung der Arbeitssituation von Saisonarbeiter*innen in Deutschland genutzt werden?

Eine Kooperation zwischen der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde und der Volksbühne Berlin

Input:
Gianina Cărbunariu (Teatrul Tineretului, Piatra Neamț)

DiskutantInnen:
Dragana Bubulj (Projekt „Faire Mobilität“ des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Stuttgart)
Jost Maurin (taz, Berlin)
Valer Simion Cosma (Zalău Museum für Kunst und Geschichte, Zalău)

Moderation:
Gabriele Freitag (Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde, Berlin)

Veranstaltung des transkulturellen Festivals POSTWEST:
http://postwest.volksbuehne.berlin/de/programme/192/dead-end-jobs-precarious-work-in-central-and-eastern-europe-and-germany

Die Diskussion findet in englischer Sprache statt. Die Veranstaltung wird auf der POSTWEST Website (http://postwest.volksbuehne.berlin/de/) und den FB Seiten von DGO und Volksbühne live gestreamt. Über den Zoom-Chat gibt es die Möglichkeit Fragen zu stellen.

Veranstaltungsbericht

Bericht: Gabriele Freitag

 

Sie arbeiten in Schlachthöfen und Industriewäschereien, auf Baustellen, am Fließband und in der Landwirtschaft. Ungeregelte Arbeitszeiten, Nachtschichten, Löhne, die kaum die existentiellen Grundlagen abdecken, Arbeit, die zum Teil gefährlich und gesundheitsschädlich ist. Dies ist der Alltag von Hunderttausenden in Osteuropa – aber ebenso von Saisonarbeiterinnen und -arbeitern in Deutschland. Durch die Covid-19-Pandemie sind prekäre Arbeitsverhältnisse in Deutschland sichtbarer geworden: Aufgrund mangelnder Schutzvorkehrungen am Arbeitsplatz und den beengten Umständen in Sammelunterkünften und Wohncontainern haben sich viele Arbeitskräfte aus dem östlichen Europa mit dem Virus infiziert. Wie durch ein Brennglas zeigt die Pandemie die Missstände auf. Über die sozialen Hintergründe in den Heimatländern, das Subunternehmertum und die Frage, ob die aktuelle Aufmerksamkeit für eine nachhaltige Verbesserung der Arbeitssituation von Menschen aus dem östlichen Europa in Deutschland genutzt werden kann, diskutierten Gianina Cărbunariu,Teatrul Tineretului, Piatra Neamț, Rumänien, Dragana Bubulj, Projekt „Faire Mobilität“ des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Stuttgart, Jost Maurin, taz, Berlin und Valer Simion Cosma, Zalău Museum für Kunst und Geschichte, Rumänien mit Gabriele Freitag, DGO, Berlin. Die Diskussion fand statt im Rahmen des digitalen Theaterfestivals POSTWEST der Volksbühne Berlin.

Dragana Bubulj erläuterte eingangs die nationalen und Geschlechtermuster auf dem Saisonarbeitsmarkt in Deutschland: Während in der fleischverarbeitenden Industrie vor allem Menschen aus Ungarn und Rumänien arbeiten, sind Migranten vom westlichen Balkan vor allem im Bau- und Transportgewerbe tätig. Die häusliche Pflege ist fast ausschließlich in der Hand von Frauen. In der Landwirtschaft arbeiten viele Saisonarbeitskräfte aus Polen und Rumänen. Valer Cosma beschrieb die Motivation von Rumänen aus ländlichen Gebieten, ihre Heimat für mehrmonatige Arbeitsaufenthalte in Deutschland zu verlassen. Häufig fehle das Geld, um ein eigenes Haus mit minimalen sanitären Standards zu bauen oder den Kindern eine bessere Ausbildung zu ermöglichen. Ein wichtiger Motor für die Saisonarbeit sei aber vor allem die wirtschaftliche Strukturschwäche in den ländlichen Regionen Rumäniens. Die zunehmende Konzentration und Subventionspolitik in der Landwirtschaft befördere den Landraub, das so genannte land grabbing. Die Konkurrenz auf dem Agrarmarkt sei so stark, dass kleine Betriebe nicht mithalten können, die Löhne wiederum so niedrig, dass Lohnarbeit in Rumänien kaum Einkommen bringe.

Gianina Cărbunariu warnte davor, die Saisonarbeiter einseitig zu Opfern zu stilisieren. Zur Motivation vieler gehöre auch der Wunsch, ihr Leben aktiv in die Hand zu nehmen. Unbestreitbar sei aber, dass vor allem das System der Subunternehmen zu einer Ausbeutung der Menschen in einem kaum vorstellbaren Ausmaß führe. Die Funktionsweise dieser Subunternehmen erläuterte Jost Maurin. Viele Unternehmen, vor allem in der Fleischindustrie, arbeiteten mit deutschen oder ausländischen Subunternehmen, die zum Teil auch Beziehungen ins kriminelle Milieu hätten. De-facto bedeute dies, dass die Unternehmen selbst keine direkten Weisungsbefugnisse oder Mitsprache in Fragen der Unterkunft haben, damit aber auch jegliche Verantwortung für die Menschen, die in ihren Betrieben arbeiten, abschieben können. Für die Saisonarbeiterinnen und -arbeiter erhöht dies umgekehrt die Abhängigkeit: Da Subunternehmer nicht nur den Arbeitsplatz sondern auch die Unterkunft und Verpflegung zur Verfügung stellen, ist ein Arbeitsplatzwechsel nur schwer zu bewerkstelligen.

An die Beratungsorganisation „Faire Mobilität“ wenden sich Arbeiterinnen und Arbeiter aus Osteuropa vor allem wegen mangelnder Lohnzahlungen, häufig aber auch im Fall von Arbeitsunfällen und bei Fragen zur Krankenversicherung. Die wichtigste Forderung der Dachgewerkschaft DBG ist der Abschluss direkter Arbeitsverträge der Unternehmen mit ihren Arbeitskräften und die Zahlung von Zusatzleistungen, die andere Arbeitskräfte erhalten. Aufgrund der Skandale um hohe Infektionszahlen in der fleischverarbeitenden Industrie hat sich der Druck auf die Bundesregierung erhöht. Jost Maurin berichtete von Gesetzesvorhaben die das Subunternehmertum erheblich einschränken sollen. Die Gesetzesentwürfe werden voraussichtlich im August 2020 vorliegen. Dann liegt es am Bundestag, diese zu verabschieden. Auf der Ebene der Europäischen Union sei dagegen keine direkte Unterstützung in diesen rechtlichen Fragen zu erwarten. Handlungsbedarf bestünde auf EU-Ebene vor allem im Hinblick auf die Subventionspolitik in der Landwirtschaft, die Großbetriebe bevorzuge während die Mehrzahl der ländlichen Bevölkerung in den ärmeren Ländern der EU nicht davon profitiere.

Valer Cosma und Dragana Bulbuj sahen entgegen dem allgemeinen Trend einer Re-Nationalisierung innerhalb der EU im gewerkschaftlichen Umfeld durchaus Anzeichen für transnationale Solidarität. So arbeiteten die Gewerkschaften mehrerer ostmittel- und südosteuropäischer Länder in Fragen fairer Arbeitsbedingungen inzwischen stärker zusammen. Umstritten blieb die Frage, wie weit einzelne Bürgerinnen und Bürger zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Saisonarbeitskräften in Deutschland beitragen können. Jost Maurin sah die Einflussmöglichkeit des und der Einzelnen vor allem in der Wahl von Parteien, die bereit sind, die offenkundigen Missstände zu beheben. Dragana Bulbuj sah demgegenüber die Bevölkerung als Konsumenten in der Pflicht. Dabei könne es nicht nur darum gehen, umweltfreundliche sondern auch fair produzierte und gehandelte Produkte zu kaufen. Gianina Cărbunariu blickte abschließend auf die Möglichkeiten von Künstlerinnen und Künstlern, wie den Teilnehmenden des Theaterfestivals POSTWEST, Einfluss auf die Beseitigung von Unrecht zu nehmen. Kunst könne Aufmerksamkeit für Missstände wecken. Ohne gesellschaftlichen Druck und gesellschaftliche Solidarität würde sich aber nichts verändern.