Logo der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V.
 
Kalender
© Katrin Surberg © Katrin Surberg© Katrin Surberg © Katrin Surberg© Claudia Höhne © Claudia Höhne© Claudia Höhne © Claudia Höhne© Claudia Höhne © Claudia Höhne© Claudia Höhne © Claudia Höhne© Claudia Höhne © Claudia Höhne© Claudia Höhne © Claudia Höhne© Claudia Höhne © Claudia Höhne
DGO-Jahrestagung

Meere als Raum von Kooperation und Konflikt

Konferenz

Zum Veranstaltungsbericht

Eurasien ist die größte Landmasse, Russland der größte Flächenstaat der Welt. Die Bedeutung der Meere für Politik, Wirtschaft, Sicherheit und Kulturtransfer im Osten Europas bleibt oft unbeachtet. Sie wird erst evident, wenn es Konflikte um Grenzen, Ressourcen, Artenreichtum und Umweltschutz gibt. Mit dem Klimawandel rücken die Bodenschätze in der Arktis in den Fokus. Doch neue Konflikte müssen damit nicht zwangsläufig verbunden sein. Konkurrierende Interessen lassen sich auch durch Kooperation und das Recht regeln.

Welche Konflikte sind mit den Meeren im Osten Europas verbunden und was lehren die internationalen Erfahrungen von der Ostsee über die Barentssee, vom Kaspischen Meer bis zum Asowschen Meer? Antworten bietet die Konferenz Meere als Raum von Kooperation und Konflikt.

 

DONNERSTAG, 5. MÄRZ 2020 / THURSDAY, 5 MARCH 2020

18:00 ERÖFFNUNG / OPENING
Thomas Paulsen
Körber-Stiftung / Körber-Foundation, Hamburg

Ruprecht Polenz
Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde / German Association for East European Studies, Berlin

 

18:15 VORTRAG UND DISKUSSION / LECTURE AND DISCUSSION
Zwischen Hafen und Meer. Eine maritime Ideen- und Kulturgeschichte Europas / Between the Port and the Sea. A Maritime Cultural and Intellectual History of Europe

Herfried Münkler, Humboldt-Universität zu Berlin / Humboldt-University, Berlin
Moderation: Manfred Sapper, Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde, Zeitschrift Osteuropa / German Association for East European Studies, Journal Osteuropa, Berlin

 

19:15 VORTRAG UND DISKUSSION /LECTURE AND DISCUSSION
Wissenschaft und Politik. Wechselbeziehungen am Beispiel der Ostseeforschung / Science and Politics. The Example of Baltic Sea Research

Ulrich Bathmann, Leibniz-Institut für Ostseeforschung/Leibniz Institute for Baltic Sea Research, Warnemünde
Moderation: Sebastian Lentz, Leibniz-Institut für Länderkunde/ Leibniz Institute for Regional Geography, Leipzig

20:15 EMPFANG / RECEPTION

 

FREITAG, 6. MÄRZ 2020 / FRIDAY, 6 MARCH 2020

9:00 VORTRAG / LECTURE
Der Klimawandel und das Nördliche Polarmeer /Climate Change and the Arctic Ocean

Christoph Humrich, University of Groningen

 

9:30 KOMMENTARE UND DISKUSSION /COMMENTS AND DISCUSSION
Arild Moe, Fridtjof Nansen Institute, Lysaker
Elena Nikitina, Primakov Institute of World Economy and International Relations, Moscow
Moderation: Volker Weichsel, Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde,Zeitschrift Osteuropa / German Association for East European Studies, Journal Osteuropa, Berlin

10:30 KAFFEEPAUSE / COFFEE BREAK

11:00 PARALLELE PANELS / PARALLEL PANELS

I. Die Konflikte im Asowschen Meer. Völker- und seerechtliche Aspekte /The Conflicts in the Sea of Azov. International and Maritime Law Issues

Valentin Schatz, Universität Hamburg / Hamburg University
Cindy Wittke, Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung/ Leibniz Institute for East and Southeast European Studies, Regensburg
Yarina Zhukorska, Ternopil National Economic University
Moderation: Caroline von Gall, Universität zu Köln / University of Cologne

II. Migration im Ostseeraum / Migration in the Baltic Sea Region

Magdalena Morgenroth, Arbeit und Leben e.V., Hamburg
Bernd Hemingway, Council of the Baltic Sea States, Stockholm
Lars Fredrik Stöcker, Universität Wien / University of Vienna
Moderation: Vera Rogova, Junge DGO

III. Die Erforschung der nördlichen Seewege. Nordostpassage und Beringstraße gestern und heute/ Exploring the Northern Sea Routes. The Northeast Passage and the Bering Strait, Yesterday and Today

Jakob Belter, MOSAiC/Alfred-Wegener-Institut /MOSAiC/ Alfred Wegener Institute, Bremerhaven
Kristina Küntzel-Witt, Universität Hamburg / Hamburg University / Academia Baltica, Sankelmark
Andreas Renner, Ludwig-Maximilians-Universität München / Munich University
Moderation: Monica Rüthers, Universität Hamburg / Hamburg University

12:30 MITTAGSPAUSE / LUNCH BREAK

14:00 PODIUMSDISKUSSION / PANEL DISCUSSION
Die Ostsee und das Kaspische Meer. Chancen und Grenzen internationaler Kooperation / The Baltic Sea and the Caspian Sea. Opportunities and Limits of International Cooperation

Bernd Hemingway, Council of the Baltic Sea States, Stockholm
Birgit Wetzel, Journalistin / Journalist, Hamburg
Andrei Zagorski, Moscow State Institute of International Relations
Moderation: Tobias Etzold, Forum Nordeuropäische Politik / Forum Northern European Politics, Berlin

15:30 KAFFEEPAUSE / COFFEE BREAK

16:00 PODIUMSDISKUSSION / PANEL DISCUSSION
Sicherheitspolitik und Expansionsstreben. Neue maritime Militärstrategien / Security Policy and Expansion Efforts. New Maritime Military Strategies

Michael Paul, Stiftung Wissenschaft und Politik / German Institute for International and Security Affairs, Berlin
Michael Petersen, Russia Maritime Studies Institute, Newport, Rhode Island
Andrei Zagorski, Moscow State Institute of International Relations
Moderation: Barbara Kunz, Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik / Institute for Peace Research and Security Policy, Hamburg

17:30 ENDE DER KONFERENZ / END OF THE CONFERENCE

Programm (PDF, 724 kB)

Veranstaltungsbericht

Bericht: Gemma Pörzgen
Fotos: Claudia Höhne

Eurasien ist die größte Landmasse und die Russische Föderation der größte Flächenstaat der Welt. Aber die Bedeutung der Meere für Politik, Wirtschaft, Sicherheit und Kulturtransfer im Osten Europas bleibt oft unbeachtet. Sie wird erst sichtbar, wenn es Konflikte um Grenzen, Ressourcen, Artenvielfalt und Umweltschutz gibt. Die DGO stellte deshalb die Beschäftigung mit den Meeren im Osten Europas in den Mittelpunkt ihrer Jahrestagung in Hamburg, die sich vor allem mit der Frage nach Kooperationen und Konflikten beschäftigte.

Der Historiker Herfried Münkler wagte in seinem Eröffnungsvortrag einen historischen Rückblick, der sich nicht nur der maritimen Ideen- und Strategiegeschichte widmete, sondern einen weiten Bogen bis zur Gegenwart schlug. „Der Blick der Athener ging aufs Meer hinaus, während die Aufmerksamkeit der Spartaner dem Land zugewandt war“, so Münkler. Der Gegensatz zwischen „Maritimem und Terranem“ präge die internationalen Beziehungen von der Vergangenheit bis heute. Münkler machte deutlich, dass sich daraus viel für die geopolitischen Konstellationen der Gegenwart lernen lasse. „Die Besetzung und Annexion der Krim sollte verhindern, dass Russland weitgehend im Raum des Schwarzen Meeres marginalisiert wurde, nachdem es zu Beginn der 1990er Jahre aus der Ostsee verdrängt worden war.“ Auch ein Makroprojekt wie Chinas „Seidenstraßeninitiative“ lasse sich heute anhand dieser geostrategischen Kategorien erklären. Münkler bezweifelte, dass das US-amerikanische Jahrhundert von einem chinesischen Jahrhundert abgelöst werde und verwies auf die besondere Seemachtstellung der USA. Der chinesische Zugang zu den Weltmeeren könne jederzeit von der US-Regierung blockiert werden. Der Handelsstreit zwischen Peking und Washington sei deshalb eher ein Ersatz für einen Seekrieg zwischen beiden Mächten.

Ganz andere Akzente setzte der zweite Redner des Eröffnungsabends, der Ozeanograph Ulrich Bathmann vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung in Warnemünde. Er überraschte das Publikum mit seiner Darstellung der: „Ostsee als Mittelmeer Europas“ – dies sei durch die Jahrzehnte, in denen die Grenze des Eisernen Vorhangs mitten durch das Meer verlief, in Vergessenheit geraten. Heute grenzten neun europäische Nationen an die Ostsee mit einer Bevölkerung von rund 85 Millionen Menschen. Mit Blick auf die Verschmutzung der Ostsee und den Klimawandel plädierte Bathmann für eine Zusammenarbeit der natur-, sozial- und geisteswissenschaftlichen Forschung. Gemeinsame interdisziplinäre Projekte seien von größter Bedeutung und benötigten ein entsprechendes Design der Forschungsstrukturen.

Der Klimawandel und die Auswirkungen auf das Nördliche Polarmeer beschäftigten den Politologen Christoph Humrich von der Universität Groningen. Er kritisierte die medial überzogene Darstellung der Arktis als Konfliktregion, die auch in vielen politischen Reden mitschwinge. Da werde ein gestiegenes Risiko für militärische Auseinandersetzungen diagnostiziert und ein Sicherheitsproblem übertrieben betont. In den Veröffentlichungen regionaler Fachleute und in der akademischen Forschung überwiege dagegen erkennbar eine „Kooperationsperspektive“, betonte Humrich. Elena Nikitina vom Primakow-Institut für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen in Moskau verwies in diesem Zusammenhang am Beispiel Russlands auf überlappende Zuständigkeiten für militärische Fragen und Notfallsituationen in der Arktis. Der norwegische Politologe Arild Moe betonte, dass die Nord-Ost-Passage als Alternative zum Suez-Kanal für große Frachtschiffe überschätzt werde und für den Welthandel keine große Rolle spiele. Ein direkter Konflikt um die Arktis, so Humrich, sei daher eher unwahrscheinlich. Der Klimawandel wirke ebenso wie das Rohstoff- und Schifffahrtspotenzial der Arktis eher kooperationsverstärkend. Kaum wahrgenommen werde auch die konstruktive Zusammenarbeit der betroffenen Staaten im Arktischen Rat, in dem vor allem die US-Regierung unter Präsident Donald Trump den weitgehenden Konsens störe.

Ein anderes Beispiel für die Kooperation von Anrainerstaaten stellte der stellvertretende Generalsekretär des Ostseerats, Bernd Hemingway vor. Der 1992 gegründete Ostseerat sollte die europäische Integration befördern. Während die Zusammenarbeit in Fragen von Umwelt- und Zivilschutz gut funktioniere, sei allerdings ein Thema wie Energie nicht konsensfähig. Der Moskauer Politologe Andrej Zagorskij verwies darauf, dass der Ostseeraum auch aufgrund militärischer Aktivitäten der NATO und Russlands wesentlich konfliktträchtiger sei als die Arktis. Auch unter den Anrainerstaaten des Kaspischen Meers gibt es seit 2018 eine vertraglich vereinbarte Kooperation. Die Journalistin Birgit Wetzel verwies darauf, dass erst die politische Krise um die Annexion der Krim einen nachhaltigen Impuls zur Zusammenarbeit in der Region gegeben habe. Energiefragen stehen hier noch viel stärker im Vordergrund als in der Ostsee. Solange Fragen der Grenzziehung im Kaspischen Meer nicht geklärt sind, bleibe die Nutzung der Energieressourcen, so Wetzel, allerdings konfliktreich.

Kaum eine Rolle für den Ostseerat, so Hemingway, spielen Fragen der Migration. Der Historiker Lars Fredrik Stöcker von der Universität Wien wies demgegenüber darauf hin, dass es in der Region schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Arbeitsmigration von Ost nach West gegeben habe. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es aus dem Baltikum als Teil der Sowjetunion lange keine Möglichkeit der legalen Emigration mehr. Eine größere Migrationsbewegung sei dann ab 1968 aus Polen in die skandinavischen Länder erfolgt – eine Folge des dortigen Antisemitismus. Über die heutige Praxis berichtete Magdalena Morgenroth vom Verein Arbeit und Leben in Hamburg, der EU-Ausländer zu arbeitsrechtlichen Fragen berät. Sie berichtete von den Schwierigkeiten vieler Migrantinnen und Migranten bei der Durchsetzung ihrer Rechte.

Von der Gegenwart zurück in die Geschichte führte die Historikerin Kristina Küntzel-Witt von der Universität Hamburg, die sich mit der Erforschung von Sibirien und der Nordpassage im 18. Jahrhundert beschäftigte. Russland habe lange Zeit kein Interesse daran gezeigt, eine Schiffsroute entlang der Küste nach Asien zu erkunden. Erst unter Peter I habe die Erforschung der sibirischen Küste am Nordpolarmeer begonnen. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurde der nördliche Seeweg durch den Wirtschaftsaufschwung in doppelter Hinsicht attraktiv, führte der Historiker Andreas Renner von der Universität München aus. Steigende Rohstoffpreise hätten die Strecke als Exportweg in Erinnerung gebracht und der russische Staat habe damit begonnen, seine Einnahmen in den Wiederaufbau der arktischen Infrastruktur zu investieren. Der arktische Ozean, so Renner, bilde eine Projektionsfläche für Moskaus Machtansprüche in der Partnerschaft mit China.

In der Abschlussdiskussion über neue maritime Militärstrategien ging es konkreter um die Konkurrenzen zwischen Russland, China und den USA. Michael Paul von der Stiftung Wissenschaft und Politik verwies darauf, dass der Konflikt zwischen den USA und China stark maritim geprägt sei. Russland, so Zagorskij, könne da aus geographischen und finanziellen Gründen kaum mithalten und habe vor allem im pazifischen Raum kein Interesse, sich in Konflikte zu begeben. Wichtiger als Expansion sei für Russland die Sicherung der eigenen Einflusssphäre. Auch die EU, so Paul, versuche, sich aus Konflikten herauszuhalten. So würden Regelverstöße der Chinesen im Chinesischen Meer von der EU nicht mehr offiziell angeprangert, weil einzelne EU-Staaten sich in eine Abhängigkeit von China begeben hätten. Die Stärkung der chinesischen Marine seit Deng Xiaoping lasse sich durchaus mit dem wilhelminischen Flottennationalismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts vergleichen. Die inoffizielle chinesische Marinestrategie sei eine Expansion zu beiden Polen. Michael Petersen vom Russia Maritime Studies Institute in Newport, Rhode Island, befürchtet allerdings keine direkte Konfrontation zwischen China und den USA. Konflikte würden eher über dritte Parteien ausgetragen. So schloss die Diskussion im Sinne der Eingangsthese von Herfried Münkler: Der Handelsstreit zwischen Peking und Washington lässt sich vielleicht als Ersatz für einen Seekrieg zwischen beiden Mächten lesen.

Die anderthalbtägige Konferenz deckte nicht nur ein großes Themenspektrum ab, sondern verknüpfte auch historische, politische und naturwissenschaftliche Fragestellungen auf bereichernde Weise. Im Nachgang zur Konferenz werden einige der Vorträge und Diskussionsbeiträge in einem Band der Zeitschrift Osteuropa mit dem Titel Klimawandel und Meeresstrategie – Konflikt und Kooperation in der Arktis publiziert.